Das Jobcenter als Sprungschanze zur Karriere

Noch vor einem Jahr sah sich Huu Nhan Ta selbst als „kleiner Reisverkäufer“. Jetzt vertritt er selbstbewusst ein internationales Unternehmen in der ganzen Welt.

Die Geschichte von Huu Nhan Ta aus Hagen klingt wie ein modernes Märchen: Da ist der 28-jährige Verkäufer in einem kleinen asiatischen Lebensmittelgeschäft, der plötzlich für eine internationale Firma die Welt bereist. Die Geschichte beginnt so: Huu Nhan Ta hat große Pläne. Er studiert nach dem Abitur am Fichte-Gymnasium ein paar Semester Elektrotechnik, will sich mal mit einem Onlinehandel selbstständig machen. Doch ihm fehlt die Praxis. Deshalb fängt er eine Lehre zum Einzelhandelskaufmann an, beendet sie erfolgreich und wird übernommen. Es gefällt ihm so gut, dass er die Selbstständigkeit nicht mehr weiter verfolgt. „Bis zur Rente wollte ich in der Firma bleiben“, erzählt Huu Nhan Ta. Aber mit seinem Teilzeitgehalt kommen der sympathische junge Mann und seine Familie irgendwann nicht mehr über die Runden. Und an Geld für die Hochzeit des Paares, das inzwischen ein Baby hat, ist gar nicht zu denken. 2016 entschließt sich der Hagener schließlich, die Hilfe des Jobcenters in Anspruch zu nehmen. Das entpuppt sich als sehr gute Entscheidung des gebürtigen Vietnamesen. Denn nur ein paar Monate später ist aus dem schüchternen Kaufmann ein erfolgreicher Vertriebsmitarbeiter in einem chinesischen Unternehmen geworden – Weltreisen und Hochzeit inklusive. Jetzt war Huu Nhan Ta noch einmal im Jobcenter, um sich zu bedanken.

„Ich habe mir bis vor einem halben Jahr gar nichts zugetraut. In meinen Bewerbungsunterlagen habe ich mich wie einen kleinen Reisverkäufer dargestellt“, sagt Huu Nhan Ta heute. Im Spätsommer war es, dass seine Vermittlerin im Jobcenter ihm ein Coaching vorschlug. „Mir war klar, dass Herr Ta großes Potenzial hat“, berichtet Jenny Weckermann. Denn er konnte viel mehr als in seinen Unterlagen stand. Also bot sie dem 28-Jährigen an, eine solche individuelle Beratung zu absolvieren. Das Jobcenter übernimmt dafür die Kosten. Huu Nhan Ta suchte sich den Bildungsträger „Tertia“ aus. Drei Gespräche hatte er dort, dann waren die Bewerbungsunterlagen top und der junge Familienvater deutlich selbstbewusster. Das war im Oktober. „Statt auf Stellen wie Geldzähler oder Verkäufer wie sonst habe ich mich nun als Vertriebsmitarbeiter bei einer internationalen Firma beworben“, erinnert er sich. Montags habe er die Bewerbung verschickt. Mittwochs sei er zum Gespräch eingeladen worden und am Freitag habe er schon für die chinesische Firma im Flugzeug nach Italien gesessen. „Ich bin so glücklich. Ich bin ein völlig neuer Mensch“, freut sich der junge Mann mit der modischen Brille. Nicht nur, dass er jetzt so viel verdiene, dass seine Familie gut leben könne. Er fühle sich auch viel besser. Denn mit dem guten Gehalt konnte Huu Nhan Ta endlich das tun, was schon so lange geplant war: Er hat seine Lebensgefährtin geheiratet. Das Foto zeigt Vermittlerin Jenny Weckermann und Huu Nhan Ta.

Vier Jahre Kampagne »Null Toleranz bei Gewalt«

17 Männer haben im Jobcenter Hagen derzeit Hausverbot, vier davon unbefristet. Sie alle haben Mitarbeitende im Jobcenter entweder körperlich oder verbal attackiert.

Michael Bus17 ist gemessen an der Zahl der Personen, die vom Jobcenter betreut werden, eigentlich sehr wenig. Rund 27.000 Hagener beziehen Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II und sind damit beim Jobcenter gemeldet. Doch für die Mitarbeitenden sind diese Einzelfälle, in denen sie mit Morddrohungen überzogen oder angegriffen wurden, traumatisch.

Damit es gar nicht so weit kommt, hat das Jobcenter Hagen im April 2013 die Kampagne „Null Toleranz bei Gewalt“ gestartet. Überall in den Gebäuden hängen Plakate, die darauf hinweisen, dass jede Form von Gewalt geahndet wird. Vor allem aber soll es die Mitarbeitenden darin bestärken, frühzeitig Grenzen aufzuzeigen. „Manche Kolleginnen und Kollegen tolerieren zum Beispiel Beleidigungen, weil sie hoffen, einem erbosten Kunden so keine Angriffsfläche zu bieten. Doch gerade in solchen Situationen wäre es besser, deutlich auf die vorliegende Grenzüberschreitung hinzuweisen“, betont Michael Bus, der als Bereichsleiter unter anderem für das Personalwesen zuständig ist. „Meistens sorgt ein klarer Hinweis auf unsere Null-Toleranz-Politik dafür, dass sich die Lage schnell wieder entspannt“, sagt Bus. Lässt sich ein aggressives Gegenüber trotzdem nicht beruhigen, sollen die Mitarbeitenden den Sicherheitsdienst verständigen.

Die Null-Toleranz-bei-Gewalt-Kampagne macht jedem klar: Kommt es zu körperlichen Angriffen oder Drohungen schaltet das Jobcenter Hagen sofort die Polizei ein. Auch bei Gewaltandrohungen per Mail oder Telefon wird keine Ausnahme gemacht. „Die Polizei nimmt dann eine sogenannte Gefährderansprache vor“, weiß Michael Bus (Foto). Dazu wird der Kunde von Polizisten aufgesucht. Parallel verhängt das Jobcenter ein Hausverbot. In 75 Prozent der Fälle wird es nach einer gewissen Zeit und bei entsprechender Einsicht des Kunden wieder aufgehoben.

Teilzeitausbildung: Eine tolle Chance

Die alleinerziehende Mutter (36) erlernt das Friseurhandwerk in 27 Ausbildungsstunden pro Woche. Das Jobcenter unterstützt sie dabei.

Sie ist eine große Chance für Julia H., aber auch für ihren Chef, Karsten G.: die Teilzeitberufsausbildung (TZBA). Seit August 2016 wird die alleinerziehende Mutter zur Friseurin ausbildet. Das Besondere: Julia H. hat nur eine wöchentliche Arbeits- bzw. Ausbildungszeit von 27 Stunden und kann bereits nach zwei Jahren die Abschlussprüfung machen. Das geht, weil sie als Mutter eines kleinen Kindes das Recht auf eine Lehre in Teilzeit hat und durch ihren Schulabschluss (Abitur) die Ausbildungsdauer verkürzen kann. Damit sie finanziell während der zwei Jahre zurechtkommt, erhält sie Unterstützung vom Jobcenter.

„Diese Möglichkeit, eine Lehre in Teilzeit zu machen, hat mich gerettet“, sagt Julia H.. Denn jetzt habe sie wieder eine Perspektive. Eigentlich sei sie selbstständige Kosmetikerin, „aber durch mein Kind konnte ich nicht so viel arbeiten und so viel verdienen, dass wir davon hätten leben können.“ Also hätte sie Leistungen beim Jobcenter beantragt. Dort erfuhr sie über die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) schließlich vom Modell der TZBA. Hoch motiviert machte Julia H. sich auf die Suche nach einem Arbeitgeber und wurde bald fündig: Friseurmeister Karsten G., stellte sie ein.

„Man muss Mut zu neuen Lösungen haben und Potenziale heben, um qualifiziertes Personal zu finden“, meint der Inhaber von vier exklusiven Salons. Da Julia H. von der Persönlichkeit ins Team passe, mache er es möglich, dass sie die Ausbildung in Teilzeit absolvieren könne – auch wenn das bedeute, dass sie nur bis 14 Uhr anwesend sei. Insgesamt beschäftigt G. 44 Mitarbeitende und acht Auszubildende. Gerade hat Julia H. ihre Zwischenprüfung absolviert und sowohl sie als auch Karsten G. als ihr Ausbilder sind zuversichtlich, dass die Ergebnisse sehr gut sein werden. Im Juli 2018 ist Julia H. dann mit der Lehre fertig.


Über Teilzeitberufsausbildung informieren die Beauftragten für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA) des Jobcenters und der Agentur für Arbeit Hagen bei der Weiterbildungsmesse am kommenden Donnerstag, 23. März, 10 bis 14 Uhr, Körnerstraße 98-100. Der Eintritt zu der Veranstaltung, bei der 22 Bildungsträger sich und ihre Kurse zu Aus- und Weiterbildung präsentieren, ist kostenlos.