Auf Umwegen zum Traumjob im Jobcenter

Gamze Gecer ist eigentlich Ingenieurin. Seit August 2016 arbeitet sie als Sachbearbeiterin im »Integration-Point« – bald als städtische Angestellte und unbefristet. Wenn Gamze Gecer von ihrem Beruf erzählt, klingt das für Außenstehende zunächst ein wenig kompliziert: Die 27-Jährige ist eigentlich Ingenieurin, arbeitet aber als Sachbearbeiterin beim Jobcenter Hagen, hat ihr Büro im Haus der Agentur für Arbeit und bekommt bald einen Vertrag von der Stadt. Was zunächst verwirrend erscheint, ist aber ganz normal, denn die Beschäftigten im Jobcenter Hagen sind bis auf zwei, die Amtshilfe leisten, entweder bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) oder der Kommune angestellt oder verbeamtet. Das hängt damit zusammen, dass das Jobcenter – früher ARGE – seit 2005 ein Zusammenschluss beider Behörden ist.

314,5 Vollzeit-Stellen hat das Jobcenter Hagen 2017 zur Verfügung. Jedes Jahr muss anhand von Kundenzahlen neu ermittelt werden, wie viele Mitarbeitende benötigt werden. In diesem Jahr sind Neueinstellungen vorgesehen, da durch den Zuzug von EU-Ausländern und geflüchteten Menschen die Zahl der Jobcenter-Kunden steigen wird. Darüber hinaus wird die Stadt Hagen den kommunalen Anteil der Mitarbeiter im ersten Schritt auf 30 Prozent aufstocken. Gemeinsames Ziel der beiden Träger (BA und Kommune) ist ein gleicher Personalanteil von 50:50. Neben externen Einstellungen bietet das für viele befristete BA-Beschäftigte im Jobcenter die Chance, über ein unbefristetes Arbeitsverhältnis mit der Stadt Hagen im Jobcenter eine weitergehende sichere berufliche Zukunft zu finden.

Gamze Gecer ist eine der neuen Mitarbeiterinnen. „Ich war selbst arbeitslos und hatte mich beim Jobcenter beworben“, erzählt die junge Frau. Doch zunächst fand sie eine andere Anstellung. Im August 2016 konnte sie ihren Traumjob beim Jobcenter dann antreten – zunächst mit einem befristeten Vertrag bei der Arbeitsagentur. Jetzt erhält sie eine unbefristete Anstellung bei der Stadt, bleibt aber auf ihrer Stelle in der Leistungssachbearbeitung des Integration Points (IP). „Die Arbeit macht mir richtig Spaß“, schwärmt Gamze Gecer. „Ich kann mir vorstellen, das bis zur Rente zu machen. Denn hier ist jeder Tag anders.“ Dass sie, wie viele der extern eingestellten Bewerber im Jobcenter, aus einem ganz anderen Bereich kommt, stört die Wirtschaftsingenieurin nicht: „Ich war noch nie der technische Typ. Mir liegt die Verwaltung viel mehr.“ Der Umgang mit Zahlen und Menschen ist für sie das Besondere an der Stelle im Jobcenter. Dass sie fließend Türkisch und Englisch spricht, hilft ihr bei der Kommunikation mit den Kunden im Integration Point, die alle einen Fluchthintergrund haben. „Viele von ihnen verstehen Türkisch oder Englisch. Das macht die Verständigung leichter“, sagt Gamze Gecer.

Über das zusätzliche Personal im Jobcenter und die Entfristung von Verträgen freut sich auch Bereichsleiter Bernd Fiedler: „Das ist ein positives Signal für die Mitarbeitenden, die sehen, dass die beiden Träger (Kommune und BA) um die Bedeutung eines guten und stabilen Personalkörpers wissen. Außerdem trägt es zur Qualitätsverbesserung bei und hat damit positive Auswirkungen für unsere Kundinnen und Kunden.“

Vierfacher Vater startet als Lehrling durch

Hakan Ö. ist 36 Jahre alt. Vor drei Wochen hat er eine Umschulung zum Zerspanungsmechaniker begonnen. Im Leben von Hakan Özkan ist nicht alles glatt gelaufen. Als er gerade in der Ausbildung zum Elektriker war, starb sein Vater. Die ganze Familie flog überstürzt in die Türkei und blieb zunächst dort. Als er wiederkam, war die Lehrstelle weg, denn Hakan Ö. hatte sich beim Arbeitgeber nicht abgemeldet.

Jetzt – fast 15 Jahre später – fängt der inzwischen 36-Jährige beruflich noch einmal von vorne an. Unterstützt vom Hagener Jobcenter absolviert er bei einem Bildungsträger eine Gruppen-Umschulung zum Zerspannungsmechaniker. „Wir lernen dort in zwei Jahren, was die Anderen in 3,5 Jahren Ausbildung machen“, sagt Hakan Ö.. „Deshalb sitze ich abends zuhause und lerne.“ Seine Familie unterstützt ihn dabei. „Der Sohn meiner Schwester, der gerade Abi macht, hilft mir bei Mathe“, gesteht der vierfache Familienvater. Alle seien stolz darauf, dass er jetzt einen Berufsabschluss erwerben wolle. Und mit der Gesellenprüfung soll noch nicht Schluss sein: „Ich will dann direkt meinen Meister anschließen“, hat sich Ö- vorgenommen. Das findet Christian Heinzel, Vermittler im Jobcenter, prima: „Herr Ö. hat einen Plan. Das ist toll“, lobt er. Nicht viele Leute hätten den Mut, als Erwachsener eine neue Perspektive einzunehmen und eine Umschulung zu machen, weiß die Integrationsfachkraft. Hakan Ö. hingegeben findet das selbstverständlich: „Ich will endlich selbst für meine Familie sorgen können. Das geht aber nur mit einer Ausbildung – da verdient man mehr.“ Deshalb rät er Erwachsenen, die wie er bislang nur Helferjobs hatten, sich beim Jobcenter oder bei der Agentur für Arbeit beraten zu lassen: „Wenn du selbst keinen Plan hast, kann man dir da helfen.“

Wer sich über Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten informieren möchte, hat dazu am Donnerstag, 23. März 2017, von 10 bis 14 Uhr Gelegenheit. Jobcenter und Agentur für Arbeit Hagen sowie das Jobcenter EN laden zur gemeinsamen „2. Bildungsmesse“ ein. Im 1. Obergeschoss des Foyers der Arbeitsagentur, Körnerstraße 98-100 in 58095 Hagen, präsentieren Bildungsträger sich und ihre Qualifizierungsangebote.

Eine Vollzeitstelle als Weihnachtsgeschenk

Als Alleinerziehende hatte sich Simone E. wenig Hoffnung gemacht, Arbeit und Kinderbetreuung koordiniert zu bekommen. Das Jobcenter half ihr dabei. „Man muss schon mutig sein, wenn man alleinerziehend ist und einen Vollzeitjob haben will“, sagt Simone E. Sie war mutig und hat den Sprung raus aus dem Jobcenter, rein in die Vollzeitstelle geschafft. Ganz einfach war das nicht. Gemeinsam mit dem Jobcenter suchte sie nach Lösungen – und fand schließlich die für sie bestmögliche.

42 Jahre alt ist Simone E. Sie hat eine erwachsene Tochter und einen siebenjährigen Sohn. Eine sozialversicherungspflichtige Stelle hatte sie seit vielen Jahren nicht – Kinderbetreuung und Arbeitszeiten passten nicht zusammen. Besonders schwierig wurde es, als der Sohn in die Schule kam. „Ich konnte ihn damals nicht zur Ganztagsbetreuung in der Schule anmelden, weil ich nur einen 450-Euro-Job hatte“, erzählt die Hagenerin. Ohne einen OGS-Platz konnte sie aber auch nicht mehr Stunden arbeiten. Ein Teufelskreis. „Schließlich habe ich den Sprung gewagt und mich in einer Diskothek als Kassiererin beworben. Da konnte ich am Wochenende nachts arbeiten, während mein Sohn bei den Großeltern schlief.“ Nach einem Monat fragte sie nach einer vollen Stelle – und bekam sie. „Seit November arbeite ich in der Woche im Büro und am Wochenende an der Kasse“, erzählt Simone E. stolz.

Zweifache Mutter kann Familie und Job nun vereinbaren

Doch zwischenzeitlich war sie gar nicht so optimistisch: „In der Grundschule sagte man mir, die Warteliste für die OGS-Plätze sei sehr lang und man könne mich nicht berücksichtigen.“ Also wandte sich die patente Hagenerin an ihre Vermittlerin beim Jobcenter. Die wiederum schaltete die Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA), Patricia Reit, ein, die sich sogleich gemeinsam mit der Stadt und der Schule um eine Betreuungsmöglichkeit bemühte. Mit Erfolg: Nach wenigen Tagen hätte Simone E. einen OGS-Platz haben können. Doch die zweifache Mutter entschied sich schließlich für eine andere Lösung: Ihr Sohn wechselte die Schule, um in der Nähe der Großeltern zu sein. „Manchmal muss ich doch länger als 16 Uhr arbeiten und da ist es gut, dass meine Eltern ihn abholen können“, berichtet Simone E., die hofft, in der neuen Schule ab Januar einen OGS-Platz zu erhalten. Den Beraterinnen vom Jobcenter, die sie auf ihrem mutigen Weg begleitet und unterstützt haben, ist Simone E. sehr dankbar für ihr Engagement. Denn dass sie nun Familie und Job vereinbaren kann, ist für die zweifache Mutter „ein Weihnachtsgeschenk“.


Informationen: Nach Angaben der Stadt (Stand 22.11.16) haben 2.067 Kindern an 29 Grundschulen und 66 Kindern an 2 Förderschulen einen OGS-Platz. Insgesamt gibt es in Hagen im Schuljahr 2016/17 in den Grundschulen 6.518 Schülerinnen und Schüler.


Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt (BCA): Seit 2011 gibt es in allen Jobcentern eine BCA. Im Jobcenter Hagen sind es sogar zwei: Patricia Reit und Jeanette Wölling teilen sich die Stelle. Die BCA beraten die Fach- und Führungskräfte des Jobcenters, aber auch Kundinnen und Kunden sowie grundsätzlich alle Arbeitsmarktakteure. Zentrale Themen sind ist die Gleichstellung von Männern und Frauen, aber auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.


Alleinerziehende (AE): Im Jobcenter Hagen kümmert sich ein Team speziell um die etwa 2.200 Ein-Eltern-Familien – das ist fast die Hälfte aller Bedarfsgemeinschaften (BG) mit Kindern. Etwa 59 Prozent der AE haben ein Kind, 29 Prozent zwei Kinder, 12 Prozent drei oder mehr Kinder. In rund 60 Prozent der AE-BG sind die Kinder zwischen sieben und 14 Jahre alt.


Für Rückfragen steht Jeanette Wölling unter Telefon 02331/36758-745 (mittwochs und donnerstags von 8 bis 16 Uhr und freitags von 8 bis 12 Uhr) sowie per E-Mail Jobcenter-Hagen.BCA@jobcenter-ge.de zur Verfügung.